Die Experten packen aus!

Im Gespräch mit Nadja Grizzo und Hanns-Dietrich Schmidt, Beraterteam des Bewerbungsbüros Magdeburg 2025

Nadja Grizzo und Hanns-Dietrich Schmidt waren beide im Team der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Seit 2011 sind sie gemeinsam mit Neil Peterson (nicht im Bild) als Beraterteam „Inside Track“ tätig, um Bewerberstädte für den Titel Kulturhauptstadt Europas fit zu machen.

Ihr wart schon in der Bewerbungsphase bei der letzten Kulturhauptstadt Europas in Deutschland, 2010 im Ruhrgebiet, dabei, seit 2011 beratet ihr Bewerberstädte und bereits ernannte Kulturhauptstädte – was hat sich in den letzten 10 Jahren verändert?

BERATERTEAM: Wir stellen vor allem fest, dass die Attraktivität des Titels Kulturhauptstadt Europas eher noch gestiegen ist, obwohl – oder gerade weil – die Städte kleiner werden. Die Stadtspitzen und die Zivilgesellschaft sind sich heute bewusster darüber, was dieses Jahr bedeuten und bewirken kann. Das ist gut, heißt aber für die Teams, mit denen wir arbeiten viel mehr Druck. Vor allem gibt es oft den Drang, Projekte und Aktionen bereits in der Bewerbungsphase durchzuführen – da müssen wir oft bremsen. Denn die Ressourcen – vor allem beim Personal sind knapp und in der Bewerbungsphase sollten sich die Teams mehr auf das Schreiben der Bewerbungsschrift und die Vorbereitung der Präsentation konzentrieren. Das wird von allen unterschätzt, wie viel Arbeit darin steckt.

Gibt es Unterschiede in Europa? Sind wir in Deutschland besonders übereifrig?

Es gibt gewaltige Unterschiede, das ist ganz erstaunlich. Im Balkan – in Ländern wie Kroatien, Montenegro, Bulgarien – haben manche Teams erst wenige Monate vor Abgabe der Bewerbungsschrift angefangen zu arbeiten. In Finnland hingegen sind die Städte für 2026 schon seit über einem Jahr fleißig dabei und auch in Deutschland ist der Wettbewerb schon seit längerem in vollem Gange.

Bei den deutschen Bewerbern sehen wir, dass schon jetzt ein enormer Projekt-Aktionismus herrscht. Dabei ist der offizielle Aufruf zur Bewerbung in Deutschland noch gar nicht raus. Auch, dass die meisten deutschen Teams in die Stadtverwaltung eingebunden sind, macht viel aus. Dadurch gerät das Projekt oft in die Routine der alltäglichen Verwaltungshierarchien und -abläufe, in die es aber – aufgrund seiner ungewöhnlichen zeitlichen und inhaltlichen Beschaffenheit – nicht in allem passt. Das wird in anderen Ländern oft lockerer gehandhabt.

Wie kommt es eurer Meinung nach zu diesem Drang danach, alles sofort machen zu wollen?

Aus unserer Erfahrung ist das einfach ein Missverständnis. So eine Kulturhauptstadtbewerbung ist eben ein merkwürdiger Zustand. Der Fragenkatalog ist auf das Jahr ausgerichtet, in dem die KHE stattfindet und fragt natürlich danach, wie die Bevölkerung eingebunden ist, welche Marketingmaßnahmen man vorhat, welche Projekte und Veranstaltungen stattfinden werden und mit welchen Kooperationspartnern. Aber das ist eben erst in sechs, sieben Jahren – wenn man überhaupt so weit kommt. Im Moment hat man gar kein „Produkt“, das man kommunizieren könnte, außer dass man sagen kann: „Wir wollen Kulturhauptstadt Europas werden.“ Das ist für eine mitreißende Kommunikation ein bisschen dünn. Wenn ihr Kulturhauptstadt Europas werden solltet, dann habt ihr immer noch vier Jahre Vorbereitungszeit, in denen ihr auch kommunizieren müsst.

Oft werden schon während der Bewerbungsphase die Massenbewegungen erwartet – aber das ist gar nicht der Punkt und gewinnt auch nicht den Titel. Es geht um 12 Jurymitglieder, eine Bewerbungsschrift, eine solide Unterstützung und finanzielle Zusagen durch die Politik und die Ernsthaftigkeit, mit der ein Bewerbungsteam die Themen herausarbeitet, die in der Stadt gerade anstehen.

Sollte man nicht möglichst viel Unterstützung von allen möglichen Seiten anstreben und so viele Leute wie möglich einbeziehen?

Das kommt sehr stark auf die Phase an, in der man sich befindet. Wir raten grundsätzlich davon ab zu denken, in der Bewerbung müsse man schon die gleiche Reichweite haben und genauso laut sein wie kurz vor dem Kulturhauptstadt-Jahr. In der ersten Phase ist es gut, kleine Aktionen zu machen, Gesprächsrunden wie die Kulturgespräche #MD2025 zum Beispiel, Umfragen zu dem, was die Bewohner über ihre Stadt denken, Einzelgespräche führen, eine Kulturstrategie entwickeln oder weiterentwickeln, Kulturschaffende befragen, Bestandsaufnahmen zur Situation machen, um daraus sinnvolle Projekte für die Bewerbungsschrift abzuleiten. Wenn man dann nicht in die zweite Runde kommen sollte, hat man trotzdem wichtige Basisarbeit geleistet, die man weiter nutzen kann.

Wie stehen denn die Chancen für Magdeburg, in die zweite Runde zu kommen?

Es gibt viele starke Mitbewerber in Deutschland, es wird daher nicht einfach sein, in die zweite Runde zu kommen. Wenn also jetzt schon die Riesentrommelwirbel veranstaltet werden, ist die Enttäuschung später riesig, es vielleicht in der ersten Runde nicht geschafft zu haben. In der zweiten Bewerbungsrunde kann man schon etwas mehr wagen, aber auch hier geht es darum, die Jury zu überzeugen und nicht die Massen zu mobilisieren. Wenn man in der zweiten Runde verliert, ist es zwar auch eine Enttäuschung – aber gewinnen kann eben immer nur eine Stadt. Das ist psychologisch weniger verheerend als in der Vorrunde auszuscheiden. Für die Stadt wird die Bewerbungsphase nachhaltend ein Gewinn sein, das ist meistens so.

Nadja Grizzo und Hanns-Dietrich Schmidt waren beide im Team der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010.