Die freie Kunst- und Kultur-Karawane

Welche Rolle die „freie Szene“ beim Kulturhauptstadtbewerbungsprozess spielen kann!

Ein wichtiges Kriterium bei der Kulturhauptstadtbewerbung ist die Einbeziehung der „freien Kunst- und Kulturschaffenden“ der Bewerberstadt. Wie kann das in Magdeburg aussehen? Was und wer ist denn diese sogenannte „freie Szene“ eigentlich?

Mit diesen Themen beschäftigen sich nicht nur in Magdeburg, sondern auch in den anderen Bewerberstädten die sogenannten „Freien“. Im September 2017 fand erstmals – angeregt durch das Kulturhauptstadtbüro Dresden und dem Netzwerk Kultur Dresden – in Dresden ein Treffen der „Konkurrenten“ der Kulturhauptstadtbewerbung Europas 2025 statt. Durch die bereits bestehende Vernetzung mit Dresdener Künstler erfuhren Karsten Steinmetz und Herbert Beesten davon und nahmen als Mitglieder der freien Magdeburger Kulturszene an diesem Treffen teil, neben der offiziellen Magdeburger Delegation. Die Rückschau der „Konferenz der Konkurrenten“ auf der Dresdener Internetseite zu finden. 

Verantwortung kann jeder

In einem audiovisuellen Videobeitrag auf www.dresden.de wird am Ende des kurzen Videos – und da ist es wieder: – „VERANTWORTUNG“ von allen Beteiligten gefordert. In vielen Dresdner Workshops thematisierten die Teilnehmer den richtigen Mix zwischen den lokalen freien und den lokalen institutionellen Kulturanbietern. Nicht wenige Vertreter der freien Szenen befürchteten, im Bewerbungsprozess als „Feigenblatt“ zu dienen und sich bei der endgültigen Umsetzung unter „ferner liefen“ wiederzufinden. Natürlich wurde auch die Problematik diskutiert, in wie weit „frei“ sich mit „öffentlicher Kohle“ verträgt. Es wurde deutlich: Wenn Verantwortung übernommen und Kultur „geliefert wird“, ist das kein Widerspruch. Die Gefahr der Abhängigkeit hält sich aber ob der relativ geringen finanziellen Unterstützung sowieso in überschaubaren in Grenzen.

Treffen in Magdeburg

Aber das Thema sollte weiter auf den Tagesordnungen der Folgetreffen bleiben. Beim nächsten Treffen der Konkurrenten der Bewerberstädte im März 2018 in Magdeburg wurde auf Initiative von Herbert Beesten parallel zum offiziellen Treffen der Kulturhauptstadtbüros ein Workshop mit insgesamt ca. 20 Vertretern der freien Szenen aus Hannover, Hildesheim, Nürnberg, Chemnitz und Zittau sowie Magdeburg durchgeführt. Dieses Treffen wurde auch seitens unseres Bewerbungsbüros Magdeburg 2025 unterstützt. Es wurde ein Entwurf eines „Magdeburger Aufrufes“ verfasst. Da wurde eine Definition der „Freien Szene“ versucht, also dass es sich um Einzelpersonen, Gruppen und Vereine handele, an denen die Stadt, das Land oder der Bund nicht institutioneller Betreiber bzw. nicht Teilhaber sei. Im Falle von Magdeburg gehören also z.B. viele Einzelkünstlerinnen, Kunst- und Kulturgruppen/Vereine aller Genres, als auch Kultureinrichtungen wie Moritzhof, Feuerwache, Volksbad Buckau, Literaturhaus, Forum Gestaltung, sowie freie Kabaretts, Theater wie „An der Angel“, Tapetenwechsel oder die „Neuen Kammerspiele“ usw. zur freien Szene. Nicht zu den „Freien“ gehören beispielsweise Kultureinrichtungen wie die Oper mit Schauspielhaus, das Puppentheater und Gesellschaftshaus, die Museen, das AMO und Konservatorium Georg Phillip Telemann sowie Thiem 20, und, und, und. Die „Freien“ erhalten in den Bewerberstädten aus den Kulturbudgets finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung, allerdings gegenüber den stadteigenen „unfreien“ Kulturbetrieben deutlich weniger. Kultur hat auch mit „Kohle“ zutun, so dass die Notwendigkeit erkannt wurde, einmal in den einzelnen Bewerberstädten zu ermitteln, wie hoch der finanzielle Kulturhaushaltsanteil für die „Freien“ zurzeit sind.

In dem Entwurf zum „Magdeburger Aufruf“ – der bei dem Treffen im März 2018 entstand - wird grundsätzlich von allen „Freien“ die Bewerbungen unterstützt und alle sind bereit, einen wesentlichen Beitrag zur Kulturhauptstadt zu leisten, und auch selbst Verantwortung für Projekte zu übernehmen.

Ausschließlich für „Freie“

Ende Juni 2018 fand in Hannover – organisiert durch die Hannoveraner „Freien“ – erstmals ausschließlich ein Treffen der „Freien“ unter dem Titel „Aufnahmezustand“ mit ca. 150 Teilnehmern statt. Also diesmal ohne die anderen offiziellen Kulturhauptstadt-Bewerbungsbüros. Das zeigt eine Dynamisierung und Emanzipation der „Freien“ im Kulturhauptstadtbewerbungsprozess. Bei dieser Veranstaltung stand die lokale Szene von Hannover selbst im Mittelpunkt. Vertreter der „Freien“ aus Magdeburg, Dresden und Hildesheim waren nur mit 6 Teilnehmern deutlich in der Minderheit. Diese erstmalige große Versammlung der Hannoveraner freien Szene zeigt, dass z.B. auch in Magdeburg noch „Luft nach oben“ besteht, wollen sich die freien Kunst- und Kulturschaffenden in dem Prozess überhaupt einbringen und behaupten.

Luft nach oben

Es ist erforderlich, dass sich die „Freien“ über den Kreis der üblichen Verdächtigen hinaus auch in Magdeburg organisieren, um sich bemerkbar zu machen. Nach einer überschlägigen Berechnung von Herbert Beesten, erhalten die „Freien“ im Haushaltsjahr 2018 von städtischen Kulturbudget in Magdeburg (ohne Sport und Schule) knapp 4% des Kulturetats, was erfreulicherweise gegenüber den vorherigen Jahren schon eine deutliche Steigerung ist. Damit aber den bisherigen Empfängern nichts „weggenommen“ wird, sollte die zukünftige Entwicklung des Budgets für die freie Magdeburger Szene thematisiert werden.

In Hannover fand zum Abschluss der Tagung noch ein Podiumsgespräch mit den Vertreten der Freien Szenen aus Hannover, Dresden, Hildesheim und Magdeburg statt. Dabei wurde Magdeburg etwas beneidet, ob der schon länger laufenden offiziellen Aktivitäten und der relativ guten personellen Ausstattung des Bewerbungsbüros Magdeburg 2025. Im Sommer wird sich eine Arbeitsgruppe der Freien aus den Bewerberstädten treffen, um nochmal die Zahlenwerke der Kulturetats der einzelnen Städte und den darin enthaltenen Anteil für die „Freien“ zu ermitteln. Es stellte sich nämlich bei den Diskussionen heraus, dass eine Vergleichbarkeit nicht so einfach ist.

Aktives Engagement gefordert  

Neben den bürokratischen und finanziellen Aspekten wurde aber auch über Kunst- und Aktionsformen gesprochen und wie man denn die „Karawane“ der umlaufenden Treffen der Bewerberstädte bereichern könnte. Ohne zu viel zu verraten, könnte es sein, dass sich auch eine „Freie Kunst- und Kultur-Karawane“ mit künstlerischen Engagement bildet.

Die Notwendigkeit des aktiven und auch unkonventionellen Einbringens der „Freien“ in den Bewerbungsprozess wurde auf dem Treffen in Hannover sehr deutlich durch Sjoerd Bootsma, dem Vertreter der „Freien Szene“ der derzeitigen niederländischen Kulturhauptstadt Europas Leeuwarden gefordert: „Wartet nicht, bis die offiziellen Hauptstadtbewerbungsgremien auf euch zukommen oder Vorschläge machen, sondern werdet initiativ, macht euer Ding, auch ungeachtet der Bürokratie!“

 

Workshop der freien Szene der Bewerberstädte im März 2018 in Magdeburg (c)Herbert Beesten