Kultur im Reagenzglas

Gehören Wissenschaft und Forschung zur Kultur? Ganz klar, ja! Kultur ist deutlich mehr als der Gang ins Museum oder Theater

Natur, Technik und Gesellschaft werden durch Wissenschaft geformt und sind miteinander verbunden – Naturgesetze werden durch die Wissenschaft aufgedeckt und Methoden entwickelt, die das tägliche Leben beeinflussen. Das Thema Wissenschaft ist ein wichtiger Bestandteil im Bewerbungsprozess zur Kulturhauptstadt Europas Magdeburg 2025. Wie viel Wissenschaftskultur der Standort Magdeburg kann, weiß Prof. Dr. Constanze Seidenbecher, Wissenschaftsorganisatorin am Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) Magdeburg. Im Gespräch mit dem Bewerbungsbüro Magdeburg 2025.

Magdeburg 2025: Inwiefern kann Forschung und Wissenschaft als Kultur betrachtet werden?

Prof. Dr. Constanze Seidenbecher: Kultur ist all das, was Menschen erschaffen oder gestalten und was schließlich unser Zusammenleben prägt. Wissenschaft trägt dazu eine Menge bei, direkt aber auch indirekt. Wissenschaft ist vermutlich schon seit Guerickes Zeiten ein Teil der Stadtkultur und das erkennt man heute auch an markanten Bauten wie dem neuen Elbedome am Wissenschaftshafen oder der Experimentellen Fabrik. Auch derJahrtausendturm im Elbauenpark ist der Wissenschaft gewidmet. Und nicht nur die Gebäude, erzählen von Wissenschaft und wecken das Interesse der Magdeburger. Die Stadt ist ein wissenschaftsfreundliches Pflaster, das merken wir immer mehr – Magdeburger wollen Wissenschaft erleben.

Warum ist Magdeburg ein wichtiger Wissenschaftsstandort?  

Prof. Dr. Constanze Seidenbecher: Magdeburg ist vor allem ein Zentrum für Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Uni, Hochschule und Forschungsinstitute arbeiten eng zusammen und haben Kooperationen in die ganze Welt. Die Neurowissenschaftler  steuern wichtige Erkenntnisse über das Gehirn bei, der Schwerpunkt Dynamische Systeme analysiert auf hohem Niveau komplexe Systeme von der Industrieanlage bis zur Körperzelle. Das Fraunhofer-Institut beschäftigt sich mit Digital Engineering und virtuellen Realitäten. Die Medizintechniker entwickeln minimal-invasive Diagnose- und Therapiemethoden, und die Medizin hat einen Gesundheitscampus, um große Volkskrankheiten zu verstehen und besser heilen zu können. Das alles sind Felder, auf denen Magdeburg international sichtbar ist. Wir haben zwar nicht so viele Forschungsansiedlungen wie Berlin oder Göttingen, aber die Bedingungen für die Forschung sind hier sehr gut.

Der Wissenschaftshafen ist ein Ort des Austausches. Wie wichtig ist dieser Knotenpunkt?

Prof. Dr. Constanze Seidenbecher: Der Wissenschaftshafen ist ein echter Zukunftsort, geschaffen aus den Ruinen dessen, was Magdeburg früher mal war – vom Industriestandort hin zum Ort von Wissenschaft und Technik. Schöner kann der Wandel der Stadt nicht gezeigt werden. Das Potential ist hier sehr hoch. Ein Ort, an dem es um Wissenschaft geht, wo Leute zusammenkommen und sich auch Startups entwickeln können.

Wie kommen die Wissenschaftler mit den Bürgern ins Gespräch?

Prof. Dr. Constanze Seidenbecher: Elfenbeinturm war gestern – heute ist das Interesse auf beiden Seiten groß, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das beste Beispiel dafür ist die Lange Nacht der Wissenschaft, zu der jährlich Tausende durch die Labore laufen, Vorträge hören und bei Experimenten mitmachen. Auch beim „Medizinischen Sonntag“ oder „Wissenschaft im Rathaus“ trifft man viele Magdeburger. Wir haben oft Besucher im Haus, von der Schulklasse bis zur Seniorengruppe, die sich für die Forschung interessieren und beispielsweise wissen wollen, was eigentlich beim Lernen im Gehirn geschieht. Wissenschaft gut zu erklären ist nicht leicht, aber die Neugier der Besucher ist ein Ansporn für die Forscher, und manchmal bringen solche Fragen uns auf tolle Ideen.

Welche Chancen sehen Sie für die Forschung und Wissenschaft innerhalb der Kulturhauptstadt-Bewerbung?

Ich sehe das große Potential der Stadt, die auch zu meiner geworden ist, obwohl ich aus Thüringen komme. Ich denke, Magdeburg kann bei der Bewerbung auch mit seiner Wissenschaft und mit der Begeisterung der Magdeburger für die Wissenschaft punkten. Umgekehrt würde uns Forschern der Titel als Kulturhauptstadt Europas helfen, den Wissenschaftsstandort noch bekannter und attraktiver zu machen, auch für Forscher und Studierende aus anderen Ländern. Magdeburg kann es schaffen, noch selbstbewusster zu werden.

Welche Visionen sehen Sie für den Wissenschaftsstandort Magdeburg?

Prof. Dr. Constanze Seidenbecher: Um als Universitäts- und Wissenschaftsstandtort noch sichtbarer zu werden, könnte ein internationales „Haus der Wissenschaft“ mitten in der Stadt ein schöner Ort sein, um Forschern, Studierenden und Bürgern praxisnah das Thema Wissenschaft in Magdeburg nahezubringen. 

Vielen Dank für das Interview.

 

Infokasten:

Am 2. Juni werden die kurzen Hosen gegen Laborkittel getauscht. Die Lange Nacht der Wissenschaft von 18.00 bis 01.00 Uhr eröffnet die Möglichkeit, wissenschaftliche Einrichtungen und Experimente jeder Art in ganz Magdeburg zu erleben. Dreh- und Angelpunkt ist der Magdeburger Wissenschaftshafen, bei dem nicht nur Shuttlebusse abfahren, sondern auch das Bewerbungsbüro Magdeburg 2025 für Fragen und Antworten rund um die Bewerbungsphase zu finden ist. Und auch das Leibniz-Institut für Neurobiologie stellt in dieser Nacht das menschliche Gehirn auf unterschiedliche Weisen auf die Probe. 

 

„Magdeburg kann die Kultur, die Wissen schafft, erleben“, und zwar bei der Langen Nacht der Wissenschaft am 2. Juni, so Prof. Dr. Constanze Seidenbecher, Leiterin Wissenschaftsorganisation und Öffentlichkeitsarbeit am Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) Magdeburg. (c)Uli Lücke