Kulturhauptstadt Europas – was ist das eigentlich?

In der heutigen Kolumne verraten wir, was es mit den europäischen Kulturhauptstädten auf sich hat, warum Magdeburg eine werden will und warum die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts das Zeug dazu hat

Paris, Amsterdam, Florenz – Europas Schönheiten kennt jeder. Aber was ist mit Turku an der Südwestküste Finnlands, Paphos, einer Hafenstadt im Südwesten der Republik Zypern oder Leeuwarden im Norden der Niederlande? All diese Städte verbindet zumindest Eines: Sie dürfen sich mit der vielleicht wichtigsten kulturellen Auszeichnung des Kontinents schmücken. In verschiedenen Jahren und Jahrzehnten sind sie zur „Kulturhauptstadt Europas“ gekürt worden. 2025 will Magdeburg diesen Titel bekommen.

Rückblick: Als die griechische Kulturministerin Melina Mercouri in den 80er Jahren vorschlug, in jedem Jahr einer anderen europäischen Stadt den Namen „Kulturstadt“ zu verleihen, ging es ihr zunächst darum, ein sichtbares Zeichen gegen die untergeordnete Rolle der Kultur in der damaligen Europapolitik zu setzen. Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen und Mercouris Idee hat entscheidende Wandlungen durchlebt. Aus der „Kulturstadt“ wurde die „Kulturhauptstadt“, und aus Großstadt-Kulturkandidaten Städte, die manchmal erst auf den zweiten Blick als Gewinner hervorgehen.  

Wendepunkt für Kulturhauptstädte

Den Wendepunkt markierte 1990 die Ernennung Glasgows zur Kulturhauptstadt. Völlig überraschend setzte sich die schottische Industriestadt, die unter den Folgen des wirtschaftlichen Rückgangs zu leiden hatte, gegen Konkurrenten wie London und Edinburgh durch. Glasgow gewann den Titel nicht mit herausragenden Kulturschätzen, sondern mit einer innovativen Strategie, die Kunst und Kultur als Motor für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel definierte – ein damals radikaler Ansatz. Heute geht es bei den Kulturhauptstadt-Projekten vor allem um Entwicklung kultureller Potenziale: Wichtig ist nicht, mit wie vielen historischen Gebäuden, Opernhäusern oder Museen eine Stadt aufwarten kann, sondern wie sie Kultur im weitesten Sinne nutzen will, um langfristig ihre ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen.

Essen und das Ruhrgebiet nutzten im Kulturhauptstadtjahr 2010 Kultur als Katalysator im Wandlungsprozess vom grauen Industriegebiet zur kreativen Kulturmetropole. Die amtierende niederländische Kulturhauptstadt Leeuwarden versucht mit ihrem Programm, aus den eher in sich gekehrten Friesen aufgeschlossene Europäer zu machen. Und Kaunas wird 2022 seiner Rückwärtsgewandtheit als ehemals provisorische Hauptstadt Litauens kreativ entgegentreten. Den Potenzialen dieser Städte steht Magdeburg mit seiner wechselhaften Geschichte, seinem unermüdlichen Wiederauferstehen nach großen Schicksalsschlägen, seiner Schönheit auf den zweiten Blick und seinem Nachholbedarf an Selbstbewusstsein und Image in Nichts nach.

Mit Kulturdas Stadtbild verändern

Kann Kultur aber ernsthaft das Blatt für eine Stadt wenden? Sie kann. Das Kulturhauptstadt-Projekt im belgischen Mons brachte der Stadt für jeden investierten Euro über 5 Euro Gewinn ein. Das französische Marseille konnte im Kulturhauptstadtjahr 2013 einen Rekord von 11 Millionen Touristen verbuchen. Und Liverpool schaffte es 2008, 10.000 freiwillige Bürger aller Gesellschaftsschichten für die Mitarbeit an den Kulturhauptstadt-Projekten zu gewinnen. Fast alle ehemaligen Bewerberstädte profitieren noch heute von einem neuen Rollenverständnis der Kultur, neuen Kulturzentren, innovativen Baumaßnahmen, dauerhaften Projekten, einem sozialen Wandel – und vor allem: von einem erstarkten Selbstbewusstsein.

Magdeburg als Kulturhauptstadt Europas 2025 wäre also weit mehr als ein Großevent, dessen Wirkung schnell verpufft. Natürlich geht es darum, mit allen Magdeburgern und Gästen aus der ganzen Welt ein unvergessliches Jahr mit zahlreichen internationalen Höhepunkten zu feiern - aber eben nicht nur das: Im Bewerbungsprozess geht es vor allem darum, zu zeigen, dass die Kulturhauptstadt Europas für die Bewohner der Stadt ein Ansporn und eine Frischzellenkur ist: Für uns alle als Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, für die Kreativen, die Kulturschaffenden, die Akteure aus Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft und dem Sozialsektor. Wenn wir zeigen können, wie wir als kulturell aktive Magdeburgerinnen und Magdeburger unsere Stadt und damit einen Teil Europas kreativer und lebenswerter gestalten können, ist das eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen können.

INFOKASTEN

Gekürte Kulturhauptstädte Europas 2018 bis 2022:

  • 2018: Leeuwarden, Niederlande und Valletta, Malta  
  • 2019: Matera, Italien und Plowdiw, Bulgarien
  • 2020: Galway, Irland und Rijeka, Kroatien
  • 2021: Timișoara, Rumänien und Eleusis, Griechenland sowie Novi Sad, Serbien
  • 2022: Kaunas, Litauen und Esch an der Alzette, Luxemburg