Kulturhauptstadt werden – aber wie?

Die Auswahlkriterien Teil 2

Turbo einschalten und loslegen, die kulturellen Muskeln der Stadt spielen lassen und ein paar tolle Projekte aufs Parkett legen: Das will man doch als Bewerberstadt, die in den Wettkampf um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ zieht. Die Realität sieht doch ganz anders aus – vorerst wird die Euphorie erst einmal mächtig ausgebremst, wenn ein Blick auf den Kriterien- und Fragenkatalog der EU-Auswahljury geworfen wird.

Die sechs Bereiche, auf die die Jury als Kriterien genauer draufschaut sind in Kurzform:

Langfristige Strategie, kulturelles und künstlerisches Programm 2025, europäische Dimension, Bürgerbeteiligung, Management und – darüber sind unsere europäischen Kollegen immer besonders belustigt, dass wir „Capacity to deliver“ mit einem Wort übersetzen können – die Umsetzungsfähigkeit.

Über die Kriterien „Langfristige Strategie“ und „Europäische Dimension“ war an dieser Stelle schon die Rede. Womit wir zum Kernstück der Kulturhauptstadt kommen, vorausgesetzt, wir werden es.

Kulturelles und künstlerisches Programm

Die Kulturhauptstadt Europas hat sich zum Super-Hybriden entwickelt: Ausdrücklich keine Kunst-Hauptstadt, ist sie dennoch auch ein künstlerisches Projekt. Daneben ist es nicht falsch zu sagen, sie sei ein Stadtentwicklungsprojekt und ein soziales Projekt, ein kreativwirtschaftliches Projekt und ein politisches Projekt sowie ein Partizipationsprojekt und ein Exzellenzprojekt. Erkennen Sie die Melodie? Richtig, die Musik des Widersprüchlichen.

Die Definition von Kultur in der Kulturhauptstadt darf und soll weit gefasst sein und kann Urbanität und Natur, Sport und Freizeitkultur, Kulinarik und Mode, Digitales und Analoges, Handwerk und Design und vieles mehr miteinschließen. Das macht ihre Schwierigkeit und ihren Reiz aus.

Die Projekte, die in der Bewerbungsschrift erwartet werden, sollen nicht das „Business as usual“ abbilden und auch nicht das, was jetzt passiert oder nächstes Jahr. Gefragt ist, was Einwohner und Besucher im Jahr 2025 erleben werden.  Wo wollen wir 2030 oder 2035 mit Magdeburg stehen? Was sind unsere Herausforderungen und wie können wir sie in Projekte und kulturelle Aktivitäten „übersetzen“? Das sind die Fragen, auf denen Magdeburg ein Programm aufbauen kann. Das ist mit den Beiträgen der Kulturbeiräte bereits angestoßen und wird im Bewerbungsbüro durch viele Gespräche in der Kulturszene und mit den Magdeburgern weiterentwickelt. Geschichte steht nicht im Fokus und hat dort ihren Platz, wo sie uns heute und für die Zukunft beeinflusst, beeinträchtigt und beflügelt.

Graswurzeln und Großevent

Beim Kriterium der Einbeziehung von Bevölkerung und Zivilgesellschaft besteht die erste Schwierigkeit schon in der Übersetzung des Begriffs „Outreach“, das im englischen Original des Fragenkatalogs steht. Online-Wörterbuch Leo.org übersetzt jovial mit „freundlicher Kontakt“. Bestimmt heißt es in diesem Zusammenhang nicht wie manchmal zu lesen: „Reichweite“. Wir sehen schon die Leserbriefe in die Redaktion flattern. Nur zu, liebe Leser.

Die Fragen, die die Jury in diesem Kapitel stellt, beziehen sich darauf, wie die Bevölkerung mit eingebunden wird, inklusive benachteiligter sowie neuer Zielgruppen und wie die Schulen einbezogen werden. Das alles bezogen auf 2025 und die Vorbereitungsjahre nach Titelgewinn im Jahr 2020. Blinder Aktionismus ist also 2018 und 2019 fehl am Platz. Projektideen sind von jedem willkommen, aber die EU-Jury ist in einer Sache auch ganz klar: Bei der Programmauswahl soll künstlerische Unabhängigkeit gewahrt werden.

Management und Umsetzungsfähigkeit

Im letzten Teil der Bewerbungsschrift geht es um Stakeholder, Marketing, Finanzen, Organisation, Kapazitäten, Risikomanagement, politische Unterstützung – fast meint man im falschen Film zu sein. Statt nach Kultur hört sich das eher nach einer Prüfung in fortgeschrittener Ökonomie an. Kulturhauptstadt Europas ist nämlich ein bisschen wie ein Megafrachter auf der Elbe – viel Tiefgang und interessante Ladung. Aber man muss auch wissen, was auf einen zukommt und ob man das rocken kann. Und Magdeburg kann.