Kulturhauptstadt werden – aber wie?

Heute: Die Auswahlkriterien

Sie sind auf der Suche nach einem Job? Oder waren es schon einmal? Na, dann wissen Sie ja, wie das läuft mit Bewerbungen. Was gesucht wird, was man mitbringen muss, steht zwar auf dem Papier fest – aber eine Portion Glück braucht man eben auch und das richtige Gespür dafür, was gerade gefragt ist.

So ähnlich ist es mit der Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ auch. Nur etwas langwieriger. Und etwas umfangreicher. Und überhaupt europäischer. Überzeugen muss man vor allem 12 Leute: Die internationale Auswahljury, die von der EU-Kommission eingesetzt wird. Und die geht natürlich nach bestimmten Kriterien an die Auswahl.

Schlips und Kragen reichen nicht ...

Schick in Schale braucht man sich dafür nicht zu werfen – es geht vielmehr ans Eingemachte. Auf Magdeburg bezogen sehen die Kriterien so aus:

  • Würde der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ zur langfristigen Entwicklung und Strategie Magdeburgs passen und beitragen?
  • Wie sieht das kulturelle und künstlerische Programm aus, das Magdeburg für 2025 und teilweise auch für die Vorbereitungsjahre 2021-2024, ausrichten würde?
  • Welche „Europäische Dimension“ hätte die Kulturhauptstadt Europas in Magdeburg?
  • Wie werden Bevölkerung und Zivilgesellschaft in das Projekt einbezogen?
  • Wie sieht das geplante Management für die Zeit nach Vergabe des Titels aus?
  • Wie steht es um die Kapazitäten in Magdeburg, dieses Projekt umzusetzen?

... alles schönreden auch nicht

Die Kriterien alle musterschülerhaft mit „Ist schon alles da, können wir, machen wir schon“ zu beantworten, ist definitiv nicht der richtige Weg. Schließlich geht es um Entwicklung – und da ist es gut, wenn man auch selbstkritisch ist und guckt, was noch besser werden kann. Schließlich schaut die Jury auch, ob eine Stadt den Titel überhaupt braucht – d.h. als Mittel für eine sinnvolle Weiterentwicklung vorhandener Potenziale nutzen kann. Es geht also um eine gute Balance zwischen selbstkritischer Betrachtung und dem Nachweis, so ein Riesenprojekt über so viele Jahre stemmen zu können.

Authentisch und unverblümt

Erfolgreich sind manche Städte bei der Bewerbung, wenn sie es schaffen, spezielle Themen für die Stadt mit dem zu verbinden, was gerade anderswo in Europa oder in der Welt los ist. Mit andern Worten: Erst mal guckt man, was einem für die eigene Stadt längerfristig unter den Nägeln brennt und dann schaut man über den eigenen Tellerrand. Und da sieht man meistens schnell: so ganz allein steht man mit seinen – sagen wir: Herausforderungen – nie da. Es gilt also, authentisch und ehrlich mit dem umzugehen, was man hat und was man nicht hat. Und dann kann man Visionen, Herausforderungen, Ziele und Methoden entwickeln, die vielleicht auch für andere in Europa interessant sind und die auch dann noch greifen, falls man den Titel am Ende doch nicht bekommt.

Mut und Begeisterung

 Mal ehrlich – Kriterien hin oder her: Erst mal geht es um Mut. Sich so einem Bewerbungsprozess auszusetzen ist für einen Einzelnen schon stressig, für eine ganze Stadt umso mehr. Es kann ja auch sein, dass wir den Titel nicht erhalten. Wie beim Fußball – manchmal steigt man ab, und manchmal gelingt der Aufstieg. Tausende gucken zu, alle reden mit und wissen es besser, aber „entscheidend ist auf’m Platz“. Den Ball kicken können nur die wenigen Spieler. Aber die Fans, die mitfiebern und die Spieler auf einer Welle der Begeisterung tragen – die machen eine Mannschaft erst zum Sieger.

Langfristige Strategie

Wenn man sich den Kriterienkatalog näher anguckt, sieht man schnell, worauf die Jury hinauswill. Die Kulturhauptstadt Europas soll keine Eintagsfliege sein, auch keine Einjahresfliege – sie soll sich in einen größeren strategischen Rahmen einfügen. Zum Beispiel in den einer nachhaltigen Kulturstrategie. Die Ziele der Kulturhauptstadt Europas sollten sich darin wiederfinden, aber nicht genauso umfassend angelegt sein. Die Fragen der Jury beziehen sich vor allem auf die Pläne zur Stärkung der Kultur- und Kreativwirtschaft und zur Stärkung der Verbindungen zwischen dem kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Sektor.

Europäische Dimension

Bei der „Europäischen Dimension“ geht es um das Verhältnis zwischen den Menschen in der Stadt, in der Region und in Europa. Die Kulturhauptstadt darf kein lokales Projekt sein, das nur die eine Stadt betrifft. Zur europäischen Dimension gehören Themen, die nicht nur in Magdeburg aktuell sind; ein Programm, das auch für ein internationales Publikum attraktiv ist; internationale Künstler, Institutionen und Projektpartner; das Bewusstsein der MagdeburgerInnen für Europa und seine Vielfalt zu stärken; Magdeburg in Europa sichtbar zu machen.

Best Practice

In der Praxis tut man gut daran, sich zu trauen, für die „Europäische Dimension“ auch mal heiße Eisen anzufassen. Die Stadt Pafos in Zypern hatte 2017 z.B. die Spaltung Zyperns und die Vertreibung der türkischsprachigen Bevölkerung, aber auch die Entfremdung der Bewohner durch den Massentourismus zum Thema gemacht. Für Plovdiv 2019 in Bulgarien haben die Kulturhauptstadt-Macher das europäische Thema der Roma-Bevölkerung aufgegriffen – und damit bei der Jury offene Türen eingerannt, sich bei ihrer lokalen Bevölkerung aber nicht nur beliebt gemacht... Letztendlich geht es eben doch darum, mutig zu sein.

In der nächsten Woche gehen wir auf die übrigen Kriterien der Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas näher ein.

Infokasten:

Der 9. Mai 2018 ist Europatag der Europäischen Union, an dem wir uns jedes Jahr daran erinnern, dass Europa nicht immer von Frieden und Einheit geprägt war. Es ist der Tag der historischen Schuman-Erklärung. Am 9. Mai 1950 hielt der damalige französische Außenminister Robert Schuman in Paris eine Rede, in der er seine Vision einer neuen Art der politischen Zusammenarbeit in Europa vorstellte – eine Zusammenarbeit, die Kriege zwischen den europäischen Nationen unvorstellbar machten sollte.